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Wir Frauen von Afghanistan schaffen das

"Wenn alle unsere Frauen den Originaltext des Koran lesen könnten und sich auf dessen Friedensgebot berufen, könnten wir die Gesellschaft ändern, denn wir sind mehr als 50 Prozent der Gesellschaft." Wer wie ich das Glück hatte, mit Afghanistans Ministerin Dr. Nasrin Oryakhil die gesellschaftliche Lage des fernen Landes von Angesicht zu Angesicht zu besprechen, muß mit einigen Stereotypen brechen. Derart machtvolle Worte in ruhiger Selbstsicherheit von einem Regierungsmitglied eines Landes zu hören, das ansonsten eher mit Sorge und Zweifel betrachtet wird, macht nachdenklich. 

Dr. Nasrin Oryakhil  im Gespräch mit Hans-Joachim Steinsiek

 Dr. Nasrin Oryakhil und Hans-Joachim Steinsiek, Interview am 12. November 2015 in Essen

Die Ärztin, die vor ihrer Tätigkeit als Ministerin mit der Leitung einer Klinik in Afghanistan beauftragt war, besuchte Deutschland und nach ihrem Programm in Berlin, Essen im Ruhrgebiet. Hier hatten wir Gelegenheit mit ihr das präsentierte Interview zu führen. Überrascht hat uns dabei die moderne Interpretation eines dynamischen Islams, in dem die Rolle der Frau eine herausragende Bedeutung zugemessen wird. Problematisch sei nicht die Religionsbezogenheit, sondern die Tatsache, dass Religion zum Teil von männlichen Interpreten falsch und restriktiv ausgelegt werde. Frauen sind Mütter und Mütter wollen Frieden, lautet die Botschaft von Dr. Nasrin Oryakhil, es müsse gelingen, die Aliteralität von Frauen zu beseitigen, denn wenn sie selber den Koran lesen könnten, gäbe es ihnen die Basis Frieden einzufordern. Dazu bedürfe es aber einer Periode des Friedens für das Land, und dieser sei derzeit ohne äußere Hilfe nicht zu erreichen. 

Dr. Nasrin Oryakhil wurde 2014 von der amerikanischen First-Lady Michelle Obama mit dem "Woman of Courage" Award ausgezeichnet. Diesen erhielt sie unter anderem für ihren Einsatz für Frauenrechte im medizinischen Sektor ihres Heimatlandes Afghanistan. Ihr Engagement öffnete vielen Frauen die Türen, um im medizinischen Bereich ihrer Berufung nachgehen zu können.

 

In Essen war die afghanische Ministerin zu Gast im Rathaus und sprach dort mit Oberbürgermeister Thomas Kufen über die Flüchtlingssituation in Essen. Zuvor hatte sich die Ministerin die städtische Flüchtlingsunterkunft in der Hülsenbruchstraße in Altenessen-Süd angesehen und mit 13 dort untergebrachten afghanischen Asylbewerberinnen und Asylbewerbern gesprochen. 

Im Rahmen ihres Deutschlandbesuches kam die Ministerin unter anderem nach Essen, um sich im Bildungszentrum für Erwachsene, Bfz-Essen, zum geplanten Train-the-Trainer-Programm zu informieren. Hier erhalten afghanische Lehrkräfte berufspädagogische und fachliche Unterstützung durch deutsche Ausbilderinnen und Ausbilder.

2014 stand Dr. Nasrin Oryakhil im internationalen Rampenlicht, als ihr der International Woman of Courage Award verliehen wurde. In der amerikanischen Verlautbarung hieß es dazu: 

Dr. Nasrin Oryakhil Wins International Woman of Courage Award

March 5, 2014

On March 4, 2014, Deputy Secretary of State Heather Higginbottom presented Dr. Nasrin Oryakhil with the Secretary of State’s International Woman of Courage Award in Washington, D.C. at a ceremony attended by First Lady Michelle Obama. Dr. Nasrin was one of ten women from different countries around the world honored with the award, which annually recognizes women who have shown exceptional courage and leadership in advocating for women’s rights and empowerment, often at great personal risk. Dr. Nasrin was selected “for her tireless efforts to promote women's health and provide maternal health services in Afghanistan."

A prominent leader in the field of maternal health, Dr. Nasrin Oryakhil has been the Director of the Malalai Maternity Hospital in Kabul since 2004. Over 90% of the staff at Malalai Maternity Hospital are women and provide services to women from all over Afghanistan. In addition to providing emergency obstetric care to women as a practicing obstetrician/gynecologist, Dr. Nasrin founded the first center for obstetric fistula repair in Afghanistan, located at Malalai Maternity Hospital. Dr. Nasrin works tirelessly to strengthen the role of women in medical professions in Afghanistan. She has increased the recognition of the essential role of midwives and supported the establishment of the Afghan Midwives Association. Dr. Nasrin is the president of the Afghan Family Health Association, which implements innovative reproductive health programs, provides a hotline for youth and shelters for women, and conducts outreach sessions in high schools to raise awareness about reproductive health. She is also an active member of the Afghan Women’s Network.

Dr. Nasrin’s dedication, passion and tireless efforts have significantly contributed to the progress made in the field of maternal health in Afghanistan and increased access to quality care for women from all over Afghanistan. Since the fall of the Taliban, maternal mortality rates have dramatically decreased.

The U.S. Embassy salutes the efforts of Dr. Nasrin and of all the inspirational leaders in Afghanistan, both female and male, who work tirelessly to improve the condition of Afghan women and girls. We are proud and honored to work alongside our Afghan partners to build a brighter future for the Afghan people.

More information about Embassy activities can be found at http://kabul.usembassy.gov

 (stk., Fotos: Dennis Straßmeier, erle, Peter Prengel, Stadt Essen. Auf dem letzten Foto besucht die afghanische Sozialministerin Dr. Nasrin Oryakhil die Flüchtlingsunterkunft in der Hülsenbruchstraße.)